3 Indianersprachen


Indianersprachen

Indianersprachen,
 
altamerikanische Sprachen, die Sprachen der Indianer. Wie hoch der Gesamtbestand an Sprachen in Nord-, Mittel- und Südamerika in präkolumbischer Zeit war, ist heute nicht mehr auszumachen; die Schätzungen zur ursprünglichen Zahl der Indianersprachen divergieren stark. In grober Annäherung sind etwa 3 500-4 000 Indianersprachen belegt; davon entfallen etwa 1 000 auf Nordamerika, etwa 600-700 auf Mittelamerika und etwa 2 000 auf Südamerika. Wie viele von diesen Sprachen heute noch gesprochen werden, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, zumal die Zahl der Sprecher laufend abnimmt. Nur wenige Indianersprachen scheinen in ihrem Fortbestand gesichert: z. B. Navajo (etwa 130 000 Sprecher), Ojibwa (etwa 50 000 Sprecher), Cree (etwa 50 000 Sprecher) und Dakota (etwa 20 000 Sprecher) in Nordamerika, Nahuatl (etwa 1 Mio. Sprecher) und Otomí (etwa 300 000 Sprecher) in Mittelamerika und Ketschua (etwa 8,5 Mio. Sprecher) und Aimara (etwa 2 Mio. Sprecher) in Südamerika.
 
Während nordamerikanische Indianersprachen und die Hochkultursprachen Nahuatl (Aztekisch), Maya und Ketschua relativ gut erforscht sind, ist die Erfassung der südamerikanischen Indianersprachen großenteils noch sehr lückenhaft.
 
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts versucht man, Indianersprachen zu größeren genetischen Einheiten (Sprachfamilien, Sprachphyla) zusammenzufassen. Auch diesbezüglich ist die Forschung auf dem nordamerikanischen Sektor am weitesten fortgeschritten. J. W. Powell erstellte 1891 das erste umfassende Klassifikationsschema für nordamerikanische Indianersprachen, das 58 Sprachfamilien enthielt. 1921 publizierte E. Sapir sein auf nur sechs Großfamilien reduziertes Klassifikationsschema für die Sprachen Nord- und Mittelamerikas, das auch heute noch großenteils Gültigkeit besitzt. Zur Klassifikation der südamerikanischen Indianersprachen trugen maßgeblich Č. Loukotka (1968, zuerst 1935) und J. Greenberg (1960) bei. Die Diskussion um die genetische Klassifikation der Indianersprachen ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Greenberg setzte 1987 für den gesamten amerikanischen Kontinent nur noch drei Großphyla, nämlich Amerind - Südamerika, Mittelamerika einschließlich des karibischen Raumes sowie Nordamerika südlich etwa des 55. Breitengrades abzüglich der Na-Dené-Sprachgebiete im Südwesten der USA -, besagtes Na-Dené und Eskimo-Aleut an. Dieser Ansatz ist jedoch äußerst umstritten.
 
Die strukturellen Unterschiede zwischen einzelnen Indianersprachen sind zum Teil zu groß, als dass eine übergreifende Charakterisierung möglich wäre. Typisch ist jedoch eine synthetische oder sogar polysynthetische Morphologie (synthetischer Sprachbau, polysynthetische Sprachen), weit verbreitet sind ferner wenig ausgeprägte Kasusmarkierung, schwache bis fehlende Nomen-Verb-Distinktion sowie Subjektlosigkeit. Indianersprachen verfügen andererseits über grammatische Kategorien, die indogermanischen Sprachen fremd sind: z. B. wird im Dakota mithilfe kontrastierender Personalpräfixe zwischen statischen und dynamischen intransitiven Verben unterschieden; die Nominalmorphologie des Blackfoot beinhaltet eine Unterscheidung zwischen belebten und unbelebten Nomina; im Ketschua wird mithilfe von Verbalsuffixen zwischen selbst Erlebtem und Information aus zweiter Hand differenziert.
 
Zahlreiche Wörter sind aus Indianersprachen nach Europa gelangt: Mokassin, Skunk, Totem, Wigwam (Algonkin), Kakao, Coyote, Ozelot, Schokolade, Tomate (Aztekisch), Kolibri (Karibisch), Ananas, Jaguar, Tapir (Tupí), Mais, Orkan (Aruak), Koka (Aimara), Kondor, Lama, Pampa, Puma, Yukka (Ketschua), Poncho (Mapuche).
 
Die altamerikanischen Bilderschriften stellten noch kein adäquates Mittel zur Fixierung der Indianersprachen dar. Diese erfolgte erst mit dem lateinischen Alphabet (das jedoch häufig dem Lautstand nicht gerecht wurde), später durch phonetische Schreibung. Heutige nach wissenschaftlichen Prinzipien geschaffene praktische Orthographien sind denen der Amtssprachen angepasst. Gegen 1820 wurde die für Cherokee jetzt noch verwendete Silbenschrift geschaffen.
 
 
Handbook of American Indian languages, hg. v. F. Boas (Washington, D. C., 1911, Nachdr. Oosterhout 1969);
 
The languages of Native America, hg. v. L. Campbell u. a. (Austin, Tex., 1979);
 J. H. Greenberg: Language in the Americas (Stanford, Calif., 1987).

Universal-Lexikon. 2012.

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